Von Keven Nau
Leere Haltestelle, keine Bahn, keine Busse. In Magdeburg ist das für viele längst Alltag. Der Tarifkonflikt im Nahverkehr ist nicht mehr nur eine Nachricht, sondern spürbare Realität.
Während in Halle die Havag mit einem Ersatzfahrplan versucht, den Betrieb zumindest teilweise aufrechtzuerhalten, läuft bei den Magdeburger Verkehrsbetrieben (MVB) vielerorts nur noch ein Notbetrieb. Busse und Straßenbahnen fahren eingeschränkt, Verbindungen fallen aus, Takte verlängern sich spürbar. Für Pendler, Schüler und Berufstätige bedeutet das vor allem eines, tägliche Unsicherheit.
Vier Tage Streik, mehrere Städte betroffen, phasenweise nahezu vollständiger Stillstand, ver.di spricht von „96 Stunden Stillstand“. Was wie ein klassischer Arbeitskampf begonnen hat, entwickelt sich zunehmend zu einem Problem, das tiefer geht.
Mehrere Verhandlungsrunden zwischen der Gewerkschaft ver.di und dem Kommunalen Arbeitgeberverband Sachsen-Anhalt sind bislang ohne Ergebnis geblieben. Der Konflikt hat sich in den vergangenen Wochen weiter zugespitzt.
Nach Informationen der Mitteldeutschen Zeitung war zunächst ein Termin Anfang April im Gespräch. Ver.di-Verhandlungsführer Paul Schmidt bestätigte auf Anfrage, dass die nächste Verhandlungsrunde bereits am 30. März stattfinden soll.
Zwei Tarifwelten, steigender Druck
Der Streit kommt nicht aus dem Nichts. Die finanziellen Rahmenbedingungen im Nahverkehr haben sich bereits in den vergangenen Jahren deutlich verändert.
Im Tarifvertrag Nahverkehr Sachsen-Anhalt wurden unter anderem 4 Prozent mehr Entgelt ab August 2024 sowie weitere 7,5 Prozent ab Mai 2025 vereinbart. Parallel greift der Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen mit zusätzlichen Steigerungen von 3,0 Prozent ab April 2025 sowie 2,8 Prozent ab Mai 2026.
Für die Beschäftigten bedeutet das reale Einkommenszuwächse. Für die Arbeitgeber entsteht daraus eine dauerhaft steigende Kostenbasis, die nun auf eine Forderung trifft, die über klassische Lohnfragen hinausgeht.
Streitpunkt: 35 Stunden
Im Zentrum steht eine grundlegende Veränderung der Arbeitsbedingungen. Es geht nicht nur um mehr Geld, sondern um weniger Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich.
„Wir haben für diese Umsetzung einer Arbeitszeitverkürzung einen mehrjährigen Stufenplan vorgeschlagen. Die Umsetzung würde sich also auf einige Jahre verteilen. Leider sind die Arbeitgeber auch nicht bereit, darüber zu diskutieren“, sagt Paul Schmidt, Verhandlungsführer der Gewerkschaft ver.di.
Die Arbeitgeberseite bewertet die Forderung deutlich kritischer. „Die Absenkung der Wochenarbeitszeit im geforderten Umfang entspricht rein rechnerisch einer Tarifsteigerung von 8,6 Prozent“, sagt Diana Häseler-Wallwitz, Verbandsgeschäftsführerin des Kommunalen Arbeitgeberverbandes Sachsen-Anhalt.
„Mit Umsetzung der Gewerkschaftsforderung geraten die Haushalte der betroffenen Rechtsträger nach meiner Einschätzung in eine Schieflage“, warnt sie.
Die zentrale Frage bleibt: Ist Entlastung möglich, ohne das System zu destabilisieren?
Wenn Arbeitszeit fehlt, fehlt Angebot
Was zunächst nach wenigen Stunden klingt, hat in der Summe erhebliche Auswirkungen. Nach Angaben der Arbeitgeberseite entspricht „das … verlorengehende Arbeitszeitvolumen … 21 Arbeitstagen im Kalenderjahr“.
Diese Zeit fehlt im System und muss kompensiert werden. Gleichzeitig ist der Fahrdienst schon heute angespannt. Fahrerinnen und Fahrer sind schwer zu gewinnen, viele Beschäftigte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand.
Die möglichen Folgen beschreibt der Arbeitgeberverband klar: „Unmittelbare Folge wäre eine Kürzung von Fahrleistungen durch Verlängerung der Taktfolge oder Streichung ganzer Linien.“
Für Magdeburg heißt das im Zweifel weniger Verbindungen, längere Wartezeiten, noch mehr Unsicherheit im Alltag.
Belastung im Fahrdienst
Die Gewerkschaft setzt an einem anderen Punkt an, den Arbeitsbedingungen.
Schichten können bis zu 14 Stunden dauern, Ruhezeiten zwischen zwei Einsätzen auf neun Stunden sinken. Für viele Beschäftigte ist das auf Dauer kaum tragfähig.
„Das geforderte Wahlmodell gibt den Beschäftigten die freie Wahl über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen“, erklärt Paul Schmidt.
Die Idee dahinter ist mehr Flexibilität. Beschäftigte sollen selbst entscheiden können, ob sie weniger arbeiten, zusätzliche freie Tage nutzen oder finanzielle Ausgleichsmodelle wählen.
„Nur mit guten Arbeitsbedingungen können wir die enormen demografischen Herausforderungen meistern, die zeitnah auf die Betriebe zukommen“, sagt Schmidt.
Verhärtete Fronten
Die Positionen liegen weit auseinander. Die Gewerkschaft kritisiert die Arbeitgeberseite deutlich: „Leider haben sie dann keine Vorschläge vorgelegt, sondern gegenteilig sogar längere Dienste vorgeschlagen, als Mehrbelastung statt Entlastung“, heißt es von ver.di.
„Wir erwarten, dass die Arbeitgeber ihre dogmatische und ideologische Blockadehaltung endlich aufgeben und anfangen, mit uns über Lösungen zu diskutieren.“
Die Arbeitgeber sehen die Verantwortung dagegen auf der anderen Seite. Beide sprechen von Kompromissen, meinen aber offensichtlich unterschiedliche Dinge.
Politik hält Abstand, trägt aber Verantwortung
Offiziell verweist die Landespolitik auf die Tarifparteien. „Streiks sind ein legitimes Mittel im Arbeitskampf, auch wenn sie für viele Fahrgäste aktuell spürbare Einschränkungen bedeuten“, sagt Lydia Hüskens, Infrastrukturministerin von Sachsen-Anhalt.
„Die Tarifauseinandersetzung liegt in der Verantwortung der Tarifvertragsparteien, nicht der Landespolitik.“ Ganz außen steht die Politik dennoch nicht. Der Nahverkehr wird maßgeblich durch öffentliche Mittel finanziert.
„… muss man natürlich davon ausgehen, dass Tarifsteigerungen höhere Kosten für die Fahrgäste zur Folge haben“, heißt es aus dem Infrastrukturministerium.
Am Ende stellt sich damit auch für Magdeburg eine einfache Frage: Wer zahlt?
Ein System im Konflikt
Der Streit zeigt ein grundlegendes Dilemma. Bessere Arbeitsbedingungen machen den Beruf attraktiver, erhöhen aber die Kosten.
Verkehrsunternehmen stehen unter wirtschaftlichem Druck, Kommunen müssen sparen, Fahrgäste erwarten Verlässlichkeit.
Alles gleichzeitig geht nicht.
Und jetzt?
Während in Magdeburg weiterhin im Notbetrieb gefahren wird und viele Menschen täglich neu planen müssen, bleibt eine Lösung aus.
Die Fronten sind geklärt, der Druck wächst, Bewegung ist nicht zu erkennen. Die nächste Verhandlungsrunde ist angesetzt.
Ein Durchbruch ist nicht in Sicht. Für viele bleibt vor allem eine Frage:
Wann bewegt sich hier endlich etwas?
